Verbannung und Schweigen
"Queerness" im Faschismus und Nationalsozialismus
In Deutschland bestand mit § 175 seit dem Kaiserreich ein eigener Straftatbestand gegen sexuelle Handlungen zwischen Männern. Die Nationalsozialisten verschärften ihn 1935 erheblich. Danach konnten bereits Berührungen, Gesten oder andere Handlungen verfolgt werden, die als sexuell gedeutet wurden. § 175 wurde zu einem zentralen Instrument der Verfolgung: Treffpunkte wurden geschlossen, Vereine und Zeitschriften verboten, Männer verhaftet, vor Gericht gestellt, in Gefängnisse gesperrt oder in Konzentrationslager verschleppt. Dort wurden viele mit dem rosa Winkel gekennzeichnet und zu Zwangsarbeit genötigt.
In Italien blieb die Verfolgung meist administrativ. Polizeiliche Akten, moralische Gutachten, Denunziationen und lokale Ermittlungen reichten aus, um Männer als gefährlich, anstößig oder „unverbesserlich“ einzustufen. Besonders bekannt ist die Verbannung homosexueller Männer nach San Domino auf den Tremiti-Inseln.
Es gab auch Fälle, in denen homosexuelle Männer zur Zwangsarbeit oder in harte Arbeitsverhältnisse geschickt wurden, unter anderem nach Carbonia.
Carbonia wurde 1938 auf Sardinien als geplante Bergbaustadt des faschistischen Italiens gegründet. Das Regime inszenierte die Stadt als Prestigeprojekt seiner Industriepolitik. Im Zentrum stand das Bergwerk Serbariu, eines der wichtigsten Kohlebergwerke des Landes.
Der Abbau war eng mit der faschistischen Autarkiepolitik verbunden. Italien wollte die eigene Industrie mit heimischer Kohle versorgen und die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen verringern. Carbonia erhielt dafür Arbeiterwohnungen, Verwaltungsgebäude, Plätze und Infrastruktur. Die Stadt sollte industrielle Stärke, Ordnung und nationale Selbstversorgung verkörpern. Der Kohleabbau im Bergwerk Serbariu war körperlich sehr belastend und fand unter strenger sozialer Kontrolle statt.
Personaleingang zu den Schächten 1 und 2 des Bergwerks Serbariu
Fondo Ing. Dante Taddei, Direktor des Kohlebergwerks Serbariu, Carbonia
Aus dem persönlichen Album, von den Erben gestiftet
Archivio del Centro Italiano della Cultura del Carbone