Rudolf Brazda
Rudolf Brazda wurde 1913 in Brossen bei Zeitz als Sohn tschechischer Einwanderer geboren. Er wuchs in Deutschland auf, hatte aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Eine gewünschte Lehrstelle als Schaufensterdekorateur blieb ihm deshalb verwehrt. Stattdessen absolvierte er eine Lehre als Dachdecker.
Seine ersten homosexuellen Erfahrungen machte Brazda noch zur Zeit der Weimarer Republik gemacht. Zwar existierte der Paragraph 175 bereits, „aber er wurde ignoriert“, so erinnerte er sich später. Für junge Männer wie ihn bedeutete das keinen rechtlichen Schutz, doch in vielen Großstädten und auch in manchen lokalen Milieus gab es Spielräume, in denen Homosexuelle Kontakte knüpfen, Freundeskreise bilden und sich zumindest zeitweise freier bewegen konnten.
1933 begegnet Rudolf dem Handlungsgehilfen Werner Bilz im Freibad. „Auf einmal sehe ich da den wunderschönen jungen Burschen. Ich war fast wahnsinnig, kann man sagen. Er stand dort vor dem Bassin, mit einem langen Bademantel an und ich habe gedacht, wie könnt ich bloß mit ihm zusammenkommen, soll ich ihn ansprechen? Ich bin zu ihm hingelaufen, aber ich habe keine Worte gefunden. Da habe ich ihn einfach ins Wasser gestoßen und er schwamm dann, der Bademantel hat ihn ins Wasser gedrückt und zum Glück habe ich ihn gleich greifen können und habe ihn rausgeholt aus dem Bad. Er hat mehr gelacht als geweint und hat mir keinen Vorwurf gemacht. Vielleicht hat er auch an mir Gefallen gefunden. Das war auch so. Auf einen Blick. Ich habe ihn also rausgeholt, den Mantel ausgezogen, bin mit ihm in die Dusche gegangen und habe ihn abgeduscht, mit dem Handtuch abgetrocknet, das hat ihm gefallen. Ich habe ihn gleich gefragt, was wir heute Abend machen und er sagte: ‚Ich weiß nicht, wollen wir uns treffen?‘“
Aus der Begegnung wurde eine Beziehung. Werner lebte damals zur Untermiete bei Helene Mahrenholz, einer Zeugin Jehovas. Eigentlich hätte sie homosexuelle Beziehungen aufgrund ihres Glaubens ablehnen müssen. Rudolf erinnert sich jedoch, sie habe ihn „gleich lieb empfangen, sie hatte gewusst von dem Werner, dass er so war, und da hat sie gedacht, jetzt hat er endlich einen Freund gefunden. […] Sie hat mich direkt über Nacht bei ihm gelassen. Ich bin dann nicht mehr nach Hause gegangen.“ Bald überließ sie den beiden sogar ihr größeres Schlafzimmer. In Meuselwitz führten Rudolf und Werner ein gemeinsames Leben, das für die frühe NS-Zeit ungewöhnlich sichtbar war.
Rudolf Brazda
Anfang 1930er Jahre
Quelle: Nachlass Brazda/ aus: Alexander Zinn, Das Glück kam immer zu mir. Rudolf Brazda: Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich, Frankfurt am Main 2011
Um Rudolf und Werner bildete sich ein Freundeskreis. In der Wohnung feierten sie, hörten Radio, tranken Kaffee, spielten Karten, tanzten und traten in Travestie auf. Brazda liebte besonders Josephine Baker, deren Tanz er schon als Jugendlicher nachgeahmt hatte. Im engeren sozialen Umfeld machten die Freunde wenig Geheimnis aus ihrer Homosexualität. Angehörige wussten Bescheid. Brazda erinnerte sich später an eine eigene „Hochzeit“ mit Werner im Jahr 1934, bei der ein Verwandter den Pfarrer spielte und Freunde in Frauenkleidern erschienen. „Seinerzeit waren die Menschen so tolerant“, sagte Brazda rückblickend, „sie haben das einfach mitgenommen, so ein Leben, wie wir Homosexuellen gelebt haben.“
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschärfte sich die Lage für homosexuelle Männer. Im Sommer 1934 ließ Hitler die damalige Führung der SA ausschalten, darunter auch den Stabchef Ernst Röhm. Röhms Homosexualität war bekannt und von Hitler lange geduldet worden. Nach seiner Ermordung nutzte das Regime sie propagandistisch aus und erklärte homosexuelle Männer zur Gefahr für den Staat. Männer, die Männer liebten, galten als unzuverlässig, erpressbar und unfähig, dem nationalsozialistischen Ideal von Härte, Disziplin und Fortpflanzung zu entsprechen.
1935 verschärfte das NS-Regime den Paragraphen 175. Nun mussten Strafverfolgungsbehörden keine beischlafähnliche Handlung mehr nachweisen. Berührungen, Küsse, Briefe, Aussagen Dritter oder erzwungene Geständnisse konnten genügen. Im selben Jahr wurde Rudolfs Bekannter Artur Sachs in Leipzig verhaftet.
In Altenburg kam die aus Berlin angeordnete Homosexuellenverfolgung zunächst langsamer in Gang. Das änderte sich Anfang 1937, nachdem die Altenburger Kriminalpolizei von Beamten aus Weimar geschult worden war. Auch Rudolf Brazda wurde 1937 im Zuge einer großen Verfolgungswelle in Leipzig verhaftet. Er wurde vier Wochen lang verhört und in Untersuchungshaft gehalten, bevor er schließlich seine Beziehung zu Werner gestand. Eine Woche später wurde er vom Landgericht Altenburg zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.
Der Meuselwitzer Freundeskreis. Von links: Werner Bilz, Helmut Heuer, Moritz Engelhardt, Hans Schreiber, Arne Just, Rudolf Brazda
Anfang 1930er Jahre
Quelle: Nachlass Brazda/ aus: Alexander Zinn, Das Glück kam immer zu mir. Rudolf Brazda: Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich, Frankfurt am Main 2011
Im Oktober 1937 wurde Brazda aus dem Gefängnis entlassen und aufgrund seiner elterlichen Herkunft in die Tschechoslowakei abgeschoben. Er sprach kaum Tschechisch und zog daher ins deutschsprachige Sudentenland, wo er sich einer jüdischen Theatertruppe anschloss, in Operetten auftrat und als Tänzer mit seinen Josephine-Baker-Imitationen das Publikum zum Lachen brachte. In Karlsbad lebte er mit seinem neuen Freund Anton zusammen.
Mit der Annexion des Sudetenlandes im Oktober 1938 holte ihn die nationalsozialistische Verfolgung wieder ein. Rudolf wurde 1941 wieder festgenommen und als “Wiederholungstäter” zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung der Strafe jedoch kam er nicht frei, sondern wurde wie viele homosexuelle Männer 1942 in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt. Er erhielt die Häftlingsnummer 7952 und musste den rosa Winkel tragen, der homosexuelle Häftlinge kennzeichnete.
1939
Quelle: Nachlass Brazda/ aus: Alexander Zinn, Das Glück kam immer zu mir. Rudolf Brazda: Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich, Frankfurt am Main 2011
Das Konzentrationslager Buchenwald war 1937 auf dem Ettersberg bei Weimar errichtet worden, an dessen Südhang ein Kalksteinbruch lag. Der dort gewonnene Stein war ursprünglich für die Monumentalbauten vorgesehen, die in der Gauhauptstadt Weimar geplant waren. Die Qualität des Kalksteins erwies sich jedoch als schlecht und er wurde deshalb vor allem für Wege, Straßen und Lagerbauten verwendet.
Im Steinbruch wurde Kalkstein aus dem Hang gesprengt. Die großen Brocken mussten von Hand zerkleinert, zusammengetragen und auf Loren verladen werden. Schläge, schlechte Ernährung, einfache Werkzeuge und fehlende Erholung führten rasch zum körperlichen Verfall. Der Steinbruch war zugleich Hinrichtungsort. Morde wurden in den Akten oft als Fluchtversuche verschleiert.
Homosexuelle Häftlinge wurden in Buchenwald besonders häufig der Strafkompanie zugeteilt, die im Steinbruch arbeiten musste. Auch Rudolf Brazda kam zunächst dorthin. Er erinnerte sich: „Ich bekam eine Schaufel in die Hand gedrückt, ich musste da die geschlagenen Steine mit der Schaufel zusammenraffen und dann in die Lore schaufeln.“ Für viele Häftlinge wurde der Steinbruch zum Todesort. Die SS verstand harte Zwangsarbeit auch als Mittel der „Umerziehung“. Wer nicht gebrochen werden konnte, sollte zugrunde gehen.
Im Steinbruch bewachten auch Funktionshäftlinge, sogenannte Kapos, die anderen Häftlinge. Der Kapo des Steinbruchs, Alfred Müller, ein politischer Häftling, galt als besonders brutal. Bald wurde klar, dass Müller ein sexuelles Interesse an Rudolf hatte. Für Brazda war diese Situation lebensgefährlich. Sich dem Begehren eines brutalen Kapos zu widersetzen, konnte Schläge, Strafarbeit oder den Tod bedeuten. Er gab Müllers Drängen nach.
Müller verschaffte Brazda eine andere Arbeitsstelle. Zunächst kam er in eine Sanitätsbude, später in ein Baukommando. Diese Verlegung rettete ihm wahrscheinlich das Leben, doch auch außerhalb des Steinbruchs blieb Brazda in Gefahr.
Kurz vor Kriegsende drohte Brazda die Evakuierung des Lagers. Auf solchen Todesmärsche starben unzählige Häftlinge an Erschöpfung, Hunger, Kälte oder durch Schüsse der Wachmannschaften. Brazda konnte sich mit Hilfe eines Kapos in einem Geräteschuppen beim Schweinestall verstecken. Dort blieb er mehrere Wochen verborgen und wurde mit Essen versorgt.
Am 11. April 1945 befreite die US-Armee das Konzentrationslager Buchenwald. Rudolf war 32 Jahre alt. Er ging mit einem ehemaligen Mithäftling ins Elsass. In Frankreich war Homosexualität nicht in derselben Weise strafbar wie in Deutschland.
Häftlings-Personal-Karte des KZ Buchenwald für Rudolf Brazda. Die Häftlingsnummer (oben rechts) ist mit dem rosa Winkel und dem Zusatz „Homo“ versehen.
8. August 1942
Quelle: Arolsen Archives, 5607289
1950 lernte Rudolf seinen späteren Lebensgefährten Edouard Mayer kennen, den er Edi nannte. Edi wurde nach Werner die zweite große Liebe von Rudolf. Als Edi nach einem Arbeitsunfall auf einen Rollstuhl angewiesen war, pflegte Brazda ihn über viele Jahre. Gemeinsam bauten sie sich in Bantzenheim ein Haus. Die beiden blieben bis zu Edis Tod 2003 zusammen.
Über seine Verfolgung sprach Brazda lange kaum öffentlich. Wie viele Männer mit dem rosa Winkel erhielt er keine angemessene Entschädigung. Erst im hohen Alter trat Brazda an die Öffentlichkeit. Als 2008 in Berlin das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen eingeweiht wurde, ging man zunächst davon aus, dass es keine Überlebende dieser Verfolgtengruppe mehr gäbe. Über seine Nichte wurde bekannt, dass Rudolf Brazda noch lebte und bereit war zu sprechen. In seinen letzten Lebensjahren wurde Brazda zu einem wichtigen Zeitzeugen. Er sprach über seine Liebe zu Werner, über die Verhaftungen, über Buchenwald und über das Weiterleben nach der Befreiung. Dabei bewahrte er eine Offenheit, die schon seine Jugend geprägt hatte. „Nach allem, was ich durchlitten habe, kenne ich keine Angst mehr“, sagte er rückblickend.
Am 3. August 2011 starb Rudolf Brazda im Alter von 98 Jahren in Bantzenheim.
1960er Jahre
Quelle: Nachlass Brazda/ aus: Alexander Zinn, Das Glück kam immer zu mir. Rudolf Brazda: Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich, Frankfurt am Main 2011
Werner Bilz
1933 lernte er dort Rudolf Brazda kennen und lieben. Bis zur Einberufung Bilz' in die Wehrmacht 1936 lebten die beiden zusammen bei Helene Mahrenholz. Schon bald entwickelte sich um die beiden ein homosexueller Freundeskreis.
1935 wurde Bilz erstmals bei einer Razzia verhaftet, zusammen mit einigen der Meuselwitzer Freunde, darunter auch Reinhold Winter. Er wurde vorgeladen und verhört, doch das Verfahren verlief im Sande.
Nach Verbüßung seiner Strafe wurde Brazda aus Deutschland ausgewiesen. Erst einige Jahre später, nach der deutschen Besetzung des Sudetenlandes, begegneten sich die beiden wieder. Bei einer Feier in Bilz’ Heimatort Limbach tanzten sie noch ein letztes mal zusammen.
Werner Bilz diente an der Ostfront und fiel wahrscheinlich 1943 in Rumänien. Am 31.12.1949 wurde er für tot erklärt.
Werner Bilz
Mitte der 1930er Jahre
Quelle: Nachlass Brazda/aus: Alexander Zinn, Das Glück kam immer zu mir. Rudolf Brazda: Das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich, Frankfurt am Main 2011
Anton Hartl
Ende August 1938 begegnete Hartl in Sodau bei Karlsbad dem Bühnenarbeiter Rudolf Brazda. Brazda erinnerte sich später: „Der Toni hatte Verbindung mit der Theatergruppe, weil er gerne frisiert hat, und der hat mich gesehen, wir kamen zufällig auf einem Pissoir zusammen.“ Einige Tage später feierten die beiden Hartls 22. Geburtstag. Brazda schilderte den Beginn ihrer Beziehung so: „Einmal sind wir draußen gewesen, es war finster, auf einmal, weil ich gesehen habe er steht auf mich, habe ich ihn in‘ Arm genommen und geküsst. Seitdem war der Feuer und Flamme für mich.“
Nach dem Einmarsch der Deutschen im Oktober 1938 wurde die Fischli-Bühne aufgelöst. Hartl und Brazda zogen nach Karlsbad. Hartl arbeitete dort als Friseur; Brazda war arbeitslos und wurde von ihm mitversorgt. Sie bezogen zwei gegenüberliegende Dachzimmer und nutzten den Treppenabsatz zwischen den Zimmern als gemeinsamen Wohnbereich. Zugleich lebten sie in ständiger Sorge vor einer Entdeckung durch die Kriminalpolizei.
Ende 1940 setzte ein anonymer Hinweis umfangreiche Ermittlungen der Karlsbader Kriminalpolizei in Gang. Am 1. April 1941 wurde Brazda verhaftet, am 7. Mai auch Hartl, der inzwischen bei der Wehrmacht war. Zunächst wurde Hartl in Regensburg inhaftiert, Ende Mai kam er in das Gerichtsgefängnis Eger. Am 5. September 1941, Hartls 25. Geburtstag, verurteilte ihn das Landgericht Eger nach § 175 zu acht Monaten Gefängnis. Brazda erhielt 14 Monate.
Das Gericht wertete Hartl als den von Brazda „Verführten“ und berücksichtigte dies strafmildernd. Hartl verbüßte die ersten Monate seiner Strafe im Gerichtsgefängnis Eger. Ende November 1941 wurde er als Wehrmachtsangehöriger in das Wehrmachtsgefängnis Torgau-Brückenkopf überführt.
Anton Hartl überlebte den Krieg und zog später nach Essen. Er besuchte Rudolf Brazda regelmäßig im Elsass.