#besties oder doch Liebhaber?
Erkennen wir vergangene Identitäten nur dann, wenn sie unsere heutigen Wörter benutzen?
Die Existenz queerer Identitäten ist also keine moderne Erscheinung, aber ihr Selbstverständnis unterscheidet sich von dem heutigen. Moderne Begriffe wie „lesbisch“, „schwul“, „trans“ oder „queer“ gab es noch nicht. Die klare Abgrenzung von homosexueller und heterosexueller Präferenz setzte sich erst um ca. 1870 als Konzept durch.
In der Forschung spricht man vom Problem des Anachronismus: Wir dürfen heutige Identitätsbegriffe nicht einfach auf frühere Gesellschaften übertragen. Nicht nur das Selbstbild, auch Sprache, Gestik und Affekt waren früher anders. Gerade deshalb ist es schwer für Historiker, die zwischenmenschlichen Beziehungen genau zu definieren. Waren es beste Freunde? Geschwister? Mitbewohner? Schüler und Lehrer? Vertraute? Oder doch Liebhaber?
Hier spielt die Semantik der Freundschaft eine große Rolle. In der Vormoderne galt die „ideale Freundschaft“ unter Männern oft als die höchste, geistig reinste Form der Bindung, die weit über der rein zweckgebundenen Ehe stand. Die leidenschaftliche Sprache in alten Briefen, die uns heute wie ein Liebesgeständnis vorkommt, war damals oft ein gängiger rhetorischer Stil unter engen Freunden. Ohne eindeutige Belege für Körperlichkeit bleiben historische Deutungen daher oft vorsichtig, um die Integrität der Epoche zu wahren.
Karl Maria Kertbeny ( 1824-1882)
Karl Maria Kertbeny (1824-1882) war ein österreichisch-ungarischer Schriftsteller, Übersetzer und Publizist. Berühmt wurde er vor allem durch seine Begriffe: 1868 verwendete er in einem Brief offenbar erstmals das Wort „Homosexual“, 1869 erschien „Homosexualität“ erstmals gedruckt in einer anonymen Schrift gegen die strafrechtliche Verfolgung sexueller Handlungen zwischen Männern.
Kertbeny argumentierte nicht religiös oder medizinisch, sondern rechtlich: Gleichgeschlechtliches Begehren sei keine frei gewählte Lasterhaftigkeit und dürfe daher nicht bestraft werden. Seine Begriffe wurden später von Medizin, Sexualwissenschaft und Öffentlichkeit aufgegriffen und prägten die Unterscheidung zwischen homo- und heterosexueller Orientierung.
Ob Kertbeny selbst Männer begehrte, lässt sich nicht eindeutig sagen. Er bezeichnete sich öffentlich als „normalsexuell“; sein Engagement begründete er öffentlich mit dem Suizid eines jungen Freundes, der wegen gleichgeschlechtlicher Neigungen erpresst worden war. Seine Tagebücher legen jedoch nahe, dass ihn männliche Schönheit anzog und dass er homosexuelle Erfahrungen machte.
Karl Maria Kertbeny
ca. 1850.
da: Goodbye to Berlin? 100 Jahre Schwulenbewegung (Berlin: Verlag rosa Winkel, 1997)