Kleider machen Leute

Kleider machen Leute

Zwischen Emanzipation, Theater und Alltag

Kleidung war in vielen historischen Gesellschaften Ausdruck von Stand, Beruf, Geschlecht und sozialer Zugehörigkeit. Wer Kleidung trug, die dem zugeschriebenen Geschlecht nicht entsprach, überschritt eine gesellschaftliche Grenze und machte sich zeitweise sogar strafbar.

Für die historische Deutung ist das schwierig. Wenn eine Person, die bei Geburt als Frau eingeordnet wurde, Männerkleidung trug, als Mann arbeitete oder unter männlichem Namen lebte, kann das Verschiedenes bedeuten. Es konnte ein Weg sein, Zugang zu Räumen zu bekommen, die Frauen verschlossen waren: Arbeit, Sold, Reisen, Bildung. Es kann aber auch sein, dass wir es mit Menschen zu tun haben, die wir heute als Transmänner oder nichtbinär beschreiben würden. Aus den Quellen lässt sich das oft nicht sicher entscheiden, weil sie meist von außen sprechen: Gerichte, Geistliche, Chronisten oder Behörden hielten fest, was sie als Regelbruch sahen. Was die betroffenen Menschen über sich selbst dachten, wurde selten notiert. Manche Aussagen entstanden zudem unter Druck, etwa bei Verhören oder vor Gericht. Auch Schweigen kann daher nicht einfach als Zustimmung zur amtlichen Deutung gelesen werden.

Auch umgekehrt sind Fälle überliefert, in denen Menschen, die bei Geburt als Männer eingeordnet wurden, weiblich lebten, weibliche Namen nutzten oder nicht als Männer verstanden werden wollten. Auch hier bleibt Vorsicht nötig. Travestie, Theaterrollen und Maskerade gab es seit Jahrhunderten. Aber nicht jede weibliche Darstellung war für die Bühne gedacht. Manche Menschen lebten diese Rolle nicht nur auf der Bühne, sondern im Alltag. Einige lebten sie auch im Alltag.

Gerade dort, wo Quellen längerfristiges Wohnen, Arbeiten, Lieben oder öffentliche Auftreten in einer anderen Geschlechterrolle beschreiben, wird die Grenze zwischen Verkleidung, sozialer Strategie und gelebter Identität unscharf. 

Jeanne d'Arc

Jeanne d’Arc trug Männerkleidung zuerst im militärischen Umfeld: als Reiterin, Kämpferin und Begleiterin eines Heeres. Später behielt sie diese Kleidung auch im Gefängnis bei. Im Prozess von 1431 wurde sie deshalb nicht nur wegen ihrer Stimmen und ihres politischen Handelns angegriffen, sondern auch wegen ihres Auftretens. Die Kleidung wurde als Bruch göttlicher und gesellschaftlicher Ordnung gedeutet und zu einem zentralen Anklagepunkt. Jeanne selbst erklärte, sie handle auf Gottes Befehl. 

Im Gefängnis konnte Männerkleidung außerdem Schutz vor Übergriffen bieten, weil sie enger schloss und schwerer zu entfernen war. Gerade diese Keuschheit wurde später wichtig: Sie passte zur Vorstellung einer gottgeführten Jungfrau. Bei ihrer Rehabilitierung 1456 und in der späteren Heiligsprechung 1920 trat der Vorwurf der Männerkleidung hinter Frömmigkeit, Reinheit und Gehorsam gegenüber Gott zurück. Ob ihre Kleidung vor allem religiös, militärisch, pragmatisch oder persönlich motiviert war, bleibt umstritten.


Johanna von Orléans in einer historisierten Initiale.
Miniatur aus dem späten 19. Jahrhundert, zugeschrieben entweder dem Maler und Sammler Georges Spetz oder dem sogenannten ‚Spanischen Fälscher‘.
Französisches Nationalarchiv, AE-II-2490.

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