Magnus Hirschfeld
Magnus Hirschfeld wurde am 14. Mai 1868 in Kolberg in Pommern geboren, dem heutigen Kolobrzeg in Polen. Er wuchs in einer jüdischen Arztfamilie auf und studierte selbst Medizin in Straßburg, München, Heidelberg und Berlin. Nach der Promotion arbeitete er als Arzt und ließ sich in Berlin nieder. Dort wurde er zu einer der wichtigsten Figuren der frühen Sexualwissenschaft und der homosexuellen Emanzipationsbewegung.
Hirschfeld war homosexuell, outete sich aber nie und sprach in seinen Publikationen nie über seine sexuelle Orientierung. Homosexualität war im Deutschen Reich strafbar, und auch seine wissenschaftliche Autorität hing daran, dass er nicht nur als Betroffener, sondern als Arzt, Forscher und Gutachter ernst genommen wurde.
1897 gründete Hirschfeld in Berlin das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee mit. Es gilt als eine der ersten Organisationen weltweit, die sich dauerhaft für die Rechte homosexueller Menschen einsetzte. Das Hauptziel war die Abschaffung des Paragrafen 175, der sexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisierte. Hirschfeld sammelte Gutachten, verfasste Schriften, organisierte Petitionen und suchte Unterstützung bei Juristen, Ärzten, Politikern, Künstlern und Intellektuellen. „Per scientiam ad justitiam“ war der Leitspruch Hirschfelds und des Komitees. „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“.
Für Hirschfeld war gleichgeschlechtliches Begehren keine Krankheit, keine Sünde und kein Verbrechen. Er verstand Sexualität und Geschlecht als vielfältig. Mit seiner Theorie der „sexuellen Zwischenstufen“ versuchte er zu beschreiben, dass Körper, Begehren, Auftreten und Selbstempfinden bei Menschen sehr unterschiedlich zusammenspielen können. Er prägte den Begriff „Transvestit“, der heute überholt ist, damals jedoch wertfrei verstanden wurde. Für seine Zeit war entscheidend, dass er queere Menschen nicht heilen, bestrafen oder unsichtbar machen wollte, sondern ihre Existenz wissenschaftlich begründete und rechtlich schützen wollte.
1919 gründete Hirschfeld in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft. Es war Forschungsstelle, Archiv, Bibliothek, Beratungsstelle, medizinische Praxis und öffentliches Aufklärungszentrum zugleich. Menschen suchten dort Rat zu Ehe, Verhütung, Geschlechtskrankheiten, Homosexualität, Transgeschlechtlichkeit und geschlechtlicher Selbstbestimmung. Das Institut bot auch ärmeren Besucherinnen und Besuchern kostenlose Beratung und Behandlung an. In der Weimarer Republik wurde es international bekannt und zog Forschende, Patientinnen, Patienten und Gäste aus vielen Ländern an.
Magnus Hirschfeld
signiertes Porträt
12. November 1927
US Holocaust Memorial Museum, courtesy of Magnus-Hirschfeld Gesellschaft
Karl Giese gehörte seit den 1920er Jahren zu Hirschfelds engstem Umfeld. Er war sein Ge, lebte mit ihm zusammen und arbeitete am Institut als Archivar, Bibliothekar, Museumskurator und Vortragsassistent.
Karl Giese war Hirschfelds Geliebter und langjähriger Lebensgefährte. Er war deutlich jünger als Hirschfeld und kam Anfang der 1920er Jahre in dessen Umfeld. Die beiden lebten zusammen, reisten gemeinsam und arbeiteten am Institut für Sexualwissenschaft. Giese war dort Archivar, Bibliothekar, Kustos und Vortragsassistent.
Ab 1930 unternahm Hirschfeld eine längere Weltreise. Er hielt Vorträge, traf Fachleute und stellte seine sexualwissenschaftliche Arbeit international vor. 1931 lernte er in Shanghai den jungen Medizinstudenten Li Shiu Tong kennen, auch Tao Li genannt. Li wurde sein Schüler, Sekretär, Reisebegleiter, Pfleger und schließlich ebenfalls sein Partner. In Hirschfelds letzten Lebensjahren standen Giese und Tao Li beide an seiner Seite. Mehrere Darstellungen beschreiben diese Konstellation als Ménage-à-trois.
Magnus Hirschfeld (mitte) mit Tao Li (rechts) und dem Institutsangestellten Bernhard Schapiro
Institut für Sexualwissenschaft, E. Haeberle, Berlin
unbekanntes Datum
US Holocaust Memorial Museum, courtesy of Magnus-Hirschfeld Gesellschaf
Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, befand sich Hirschfeld im Ausland. Er kehrte nicht mehr nach Deutschland zurück. Am 6. Mai 1933 wurde das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin geplündert und zerstört. Wenige Tage später verbrannten Nationalsozialisten auf dem Berliner Opernplatz Bücher, Akten und Sammlungsstücke aus dem Institut. Hirschfeld hatte Giese und Tao Li testamentarisch dafür eingesetzt, seine Arbeit weiterzuführen. Nach der Plünderung des Instituts, der Verbrennung seiner Bestände und der Emigration blieb davon kaum mehr eine reale Möglichkeit. Giese konnte nur Teile der Bibliothek und des Archivs retten.
Hirschfeld lebte zuletzt im Exil in der Schweiz und in Frankreich. Er starb am 14. Mai 1935 in Nizza, an seinem 67. Geburtstag. Er starb am 14. Mai 1935 in Nizza, an seinem 67. Geburtstag. Giese versuchte, die geretteten Teile aus Hirschfelds Besitz zu sichern. Er lebte später in Brünn, verarmt und politisch erneut bedroht. Am 16. März 1938, wenige Tage nach dem nationalsozialistischen „Anschluss“ Österreichs, nahm er sich das Leben. Was von Hirschfelds Nachlass bei ihm war, ging später im Holocaust weitgehend verloren.
Li ging zunächst nach London, kehrte nach Zürich zurück, studierte später in Harvard und arbeitete zeitweise an der chinesischen Botschaft in Washington. Danach lebte er wieder in Zürich, später in Hongkong und schließlich in Vancouver, wo er 1993 starb. Hirschfelds Totenmaske, Briefe, Fotografien und weitere persönliche Gegenstände nahm er über Jahrzehnte mit sich. Erst nach Lis Tod wurden Teile dieses Nachlasses wiederentdeckt.
Nationalsozialistische Studenten und Angehörige der Sturmabteilung plündern die Bibliothek des Instituts für Sexualwissenschaft
Manfred Baumgardt
Berlin
US Holocaust Memorial Museum, courtesy of National Archives and Records Administration, College Park