Quellenlücke
Bergbauarchive enthalten vor allem Akten zu Besitz, Löhnen, Quartalsabrechnungen, Schulden, Sicherheit, Zuständigkeiten und Ressourcen wie Holz, Kohle oder Wasser. Es sind Betriebsarchive, die zeigen, was Obrigkeit und Gewerken interessierte: Ertrag, Verwaltung und der wirtschaftliche Saldo.
Gerade jene Quellen, die Auskunft über Alltag, Beziehungen und Selbstverständnis geben könnten, fehlen oft. Gegen Ende des 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Analphabetismus unter einfachen Arbeitern weit verbreitet. Viele Knappen konnten kaum mehr als ihren Namen schreiben. Während im städtischen und bürgerlichen Milieu Briefe, Hausbücher, Chroniken und persönliche Aufzeichnungen entstanden, sind Selbstzeugnisse von Arbeitern selten. Deshalb bleiben viele Erfahrungen aus dem Umfeld der Knappen unsichtbar.
Das Steinhauser Archiv ist das Betriebsarchiv des Ahrner Handels, jener Handelsgesellschaft, die ab dem 17. Jahrhundert das Bergwerk in Prettau betrieb. Hier werden über 11.000 Betriebsakten zu den Bergbauaktivitäten des Unternehmens aufbewahrt. Nur etwa eine Handvoll beschäftigen sich mit Sittenfragen und dem Alltag der Knappen.
Im Hauptrechnungsbuch wurden die Einnahmen und Ausgaben des Bergwerks zusammengeführt. Es verzeichnete Löhne, Materialkosten, Lieferungen, Abgaben, Schulden und Erträge. Damit war es ein zentrales Kontrollinstrument der Gewerken und der Bergwerksverwaltung.
Neben den Hauptrechnungsbüchern gab es auch Quartalsführungen. Eine Führung im historischen Kontext war eine Abrechnung der Einnahmen und Ausgaben, die beim Ahrner Handel viermal im Jahr und oft separat für Bergwerk und Schmelzwerk durchgeführt wurde.
Hauptrechnungsbuch des Berg- und Schmelzwerkes des Ahrner Handels
1787
Steinhauser Archiv, 49.
Die Bergleute erhielten ihren Lohn nicht vollständig in Bargeld. Ein Teil wurde in Naturalien ausbezahlt, die man auch Pfennwerte nannte. Dazu gehörten vor allem Getreide und andere Lebensmittel, aber auch Stoffe, Leder, Schuhe und Werkzeuge. Im Kornkasten in Steinhaus wurden diese Waren gelagert und ausgegeben.
In Proviantregistern wurde festgehalten, welche Waren vorhanden waren, ausgegeben oder verrechnet wurden. Für die Gewerken war dieser Handel wichtig, weil sie die Versorgung der Bergleute in den oft entlegenen Revieren organisierten. Zugleich brachte der Pfennwerthandel zusätzlichen Gewinn. Behörden warnten daher immer wieder vor überhöhten Preisen und davor, den Arbeitern Waren aufzudrängen, statt ihnen den Lohn in barem Geld auszuzahlen.
Proviantregister pro Quartal
1870
Steinhauser Archiv, 66.3
In diesem Berggesellen-Handbuch sind nicht nur Hinweise zum Auffinden von Erz enthalten, sondern auch Verhaltensregeln. Berggesellen sollen vor allem Gott lieben und fürchten, sich an keinem Aufstand beteiligen oder andere dazu anstiften und sogar nachts darüber nachdenken, wie sie am nächsten Tag ihre Arbeit verrichten wollen. Selbstverständlich ist Lügen schändlich und verboten. Die Gesellen sollen sich Rat von jedermann anhören, aber nur wenig glauben, denn vieles sei verführerisch. Diese Regeln betreffen Moral und Glauben, zielen aber vor allem auf einen geordneten Arbeitsalltag. Für die Gewerken war entscheidend, dass die Gesellen zuverlässig arbeiteten, Ruhe im Betrieb hielten, keine Unruhe stifteten und ihr Wissen im Dienst des Bergwerks einsetzten. Verhalten wurde hier also auch als Teil der Arbeitsdisziplin verstanden.
Bergwerch Piechl vir die Berggesellen wie sie sich halten und in Bergsachen benehmen sollen
Verfasst von Martin Mittermayr
1717
Steinhauser Archiv, 86.2