Nicht wer, sondern wie

Nicht wer, sondern wie

"Queerness" in der Antike

Erotische Szene zwischen männlichen Jugendlichen. Kolorierte Drucktafel nach einem attisch rotfigurigen Glockenkrater des Dinos-Malers, um 420 v. Chr., gefunden in Capua. Aus der Sammlung William Hamilton, heute British Museum.

Für antike Gesellschaften gab es keine einheitliche Vorstellung von „Homosexualität“ im heutigen Sinn. Bei Griechen, Römern, Etruskern und Ägyptern standen eher Rollen, Machtverhältnisse, Alter, Freiheit oder Unfreiheit und sozialer Status im Vordergrund. Es ging weniger darum, wen jemand begehrte, sondern welche Position eine Person in der sozialen Ordnung einnahm.

In der griechischen Welt konnten Beziehungen zwischen Männern in bestimmten Formen anerkannt sein, besonders zwischen einem erwachsenen Bürger und einem jüngeren Mann. Diese Beziehungen waren jedoch an Alter, Erziehung, Status und Selbstbeherrschung gebunden. Ein freier erwachsener Mann durfte nicht dauerhaft als untergeordnet, abhängig oder „weiblich“ erscheinen. Problematisch wurde vor allem die passive oder feminisierte Rolle, wenn sie einem freien erwachsenen Mann zugeschrieben wurde.

In Rom war die Ordnung noch stärker durch Status geprägt. Ein römischer Mann konnte sexuelle Kontakte mit Frauen oder Männern haben, ohne seine soziale Stellung zu verlieren, solange er als aktiv, dominant und frei erschien. Der passive Partner wurde dagegen mit Weiblichkeit, Abhängigkeit oder Unfreiheit verbunden. Besonders beschämend war dies für freie erwachsene Männer. Sklaven, Prostituierte und sozial niedriger gestellte Personen wurden anders bewertet, weil ihre Körper ohnehin als verfügbar galten.

Über etruskische Sexualität wissen wir deutlich weniger, weil kaum eigene schriftliche Zeugnisse erhalten sind. Griechische und römische Autoren beschrieben die Etrusker oft als besonders freizügig, vor allem im Umgang mit Frauen, Gastmählern, Körperlichkeit und Erotik. Solche Berichte sind aber von außen geschrieben und häufig polemisch. Sicherer ist die Beobachtung, dass etruskische Bildwelten Körper, Paare und gesellige Räume sichtbar machten, ohne dass sich daraus einfache Regeln für gleichgeschlechtliche Beziehungen ableiten lassen.

Für das alte Ägypten ist die Quellenlage wieder anders. Darstellungen von Nähe zwischen Männern, etwa bei Niankhkhnum und Khnumhotep, wurden in der Forschung sehr unterschiedlich gedeutet: als Brüder, Zwillinge, enge Gefährten oder mögliches Paar. Ägyptische Quellen kennen auch Erzählungen über gleichgeschlechtliche Handlungen unter Göttern, etwa zwischen Seth und Horus. Solche Texte sprechen jedoch nicht von Identität, sondern von Macht, Demütigung, Rang und göttlicher Ordnung.

Gleichgeschlechtliche Beziehungen waren daher in der Antike nicht notwendigerweise tabu, solange sie die etablierten patriarchalen Sozialstandards nicht gefährdeten. Der "gebende", körperlich aktive Partner galt als weniger problematisch, solange er seine männliche, freie und sozial höhergestellte Rolle nicht infrage stellte. Der "empfangende", körperlich passive Partner hingegen war feminisiert und daher weit mehr sozialem Nasenrümpfen ausgesetzt; besonders dann, wenn es sich um einen freien erwachsenen Mann handelte.

Daneben kannten andere antike und vormoderne Gesellschaften geschlechtliche Rollen jenseits einer einfachen Zweiteilung. In Mesopotamien begegnen in Texten zur Göttin Inanna beziehungsweise Ishtar kultische Personen wie gala, assinnu oder kurgarru. Sie konnten mit geschlechtlicher Uneindeutigkeit, Ritual, Klagegesang, Verkleidung und göttlicher Macht verbunden sein. Ihre Stellung war religiös gerahmt und sozial besonders, aber nicht automatisch gleichberechtigt oder frei von Abwertung.

Auch in Südasien sind Hijras oder Khawaja Sira seit Langem als Gemeinschaften bekannt, die häufig als „drittes Geschlecht“ beschrieben werden. Sie übernehmen rituelle Aufgaben, etwa bei Geburten, Hochzeiten und Segnungen, und stehen zugleich oft am Rand der sozialen Ordnung. 
 

Erotische Szene zwischen männlichen Jugendlichen. Kolorierte Drucktafel nach einem attisch rotfigurigen Glockenkrater des Dinos-Malers, um 420 v. Chr., gefunden in Capua. Aus der Sammlung William Hamilton, heute British Museum.
Aus: Collection of Etruscan, Greek and Roman Antiquities from the Cabinet of William Hamilton, Bd. 2, Neapel, 1767.
Scan: Internet Archive / Boston Public Librar

Der Warren Cup ist ein römischer Trinkbecher aus Silber, entstanden um die Zeitenwende, etwa zwischen 15 v. Chr. und 15 n. Chr. Der Becher hatte ursprünglich zwei Henkel, die heute verloren sind. Er besteht aus einer inneren Trinkschale und einer dünneren äußeren Hülle, in die zwei erotische Szenen in hohem Relief getrieben wurden. Details wurden nachgraviert; einzelne Partien waren ursprünglich vergoldet. Heute befindet sich der Becher im British Museum.
 
Beide Seiten zeigen sexuelle Szenen zwischen männlichen Figuren in einem Innenraum mit Stoffbehängen, Möbeln und Musikinstrumenten. Auf einer Seite ist ein älterer, bärtiger Mann mit Kranz als aktiver Liebhaber dargestellt; sein jüngerer Partner ist bartlos. Auf der anderen Seite ist der aktive Partner selbst ein bartloser junger Mann, während der empfangende Partner als Knabe erscheint. Eine weitere Figur blickt durch eine Tür in den Raum und wird meist als Sklave gedeutet.
 
Der Becher ist kein Alltagsgefäß, sondern ein kostbares Luxusobjekt. Die sorgfältige Arbeit, die Innenraumszenen und die musikalischen Hinweise verweisen auf eine gebildete, wohlhabende, hellenisierte Elitekultur. Wahrscheinlich wurde der Becher im östlichen Mittelmeerraum hergestellt; das British Museum nennt als Fundort vermutlich Bittir bei Jerusalem. Der heutige Name geht auf den Sammler Edward Perry Warren zurück, der den Becher im frühen 20. Jahrhundert besaß.
 
Nach Warrens Tod blieb der Becher lange in Privatbesitz. Seine expliziten homoerotischen Szenen erschwerten eine öffentliche Präsentation und den Verkauf an Museen. Erst mit veränderten gesellschaftlichen Haltungen wurde das Objekt breiter ausgestellt. 1999 erwarb das British Museum den Warren Cup und machte ihn dauerhaft öffentlich zugänglich.
 

Warren Cup
Trinkbecher aus Silber
15 v.Chr.-15 n.Chr.

Hergestellt in der Levante, Fundort: Jerusalem
British Museum, 00594242001
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