Dunkles Zeitalter?
"Queerness" im Mittelalter
Das Mittelalter war nicht so „dunkel“, wie es später oft beschrieben wurde, und auch lange nicht so prüde, wie moderne Vorstellungen manchmal nahelegen. Sexualität war Teil des Alltags, wurde besprochen, geregelt, gebeichtet, bestraft, aber auch gelebt. Kirchliche Normen, städtische Ordnungen und alltägliche Praxis lagen dabei oft weit auseinander.
Während es moderne Bezeichnungen für Homosexualität noch nicht gab, entwickelte sich das Konzept der „Sodomie“. Damit war aber nicht Homosexualität im heutigen Sinne gemeint. Der Begriff gehörte zur Lehre vom „peccatum contra naturam“, der „Sünde wider die Natur“, und umfasste sehr unterschiedliche sexuelle Handlungen, die als Abweichung von Fortpflanzung, Eheordnung und göttlicher Schöpfungsordnung verstanden wurden. Eine Sünde konnte „ratione sexus“ begangen werden, also aufgrund des Geschlechts. Darunter fielen sexuelle Handlungen zwischen Personen desselben Geschlechts, vor allem zwischen Männern. Sie konnte aber auch „ratione generis“ verstanden werden, also „aufgrund der Art“, wenn Menschen sexuelle Handlungen mit Tieren zugeschrieben wurden. Und sie konnte „ratione modi“ gelten, also „aufgrund der Art und Weise“, wenn sexuelle Handlungen zwar zwischen Mann und Frau stattfanden, oder auch allein, aber nicht ausschließlich der Fortpflanzung dienten.
Im Frühmittelalter stand meist die Buße im Vordergrund. Kirchliche Bußbücher nannten lange Bußzeiten für sexuelle Handlungen zwischen Männern, doch eine flächendeckende weltliche Strafverfolgung gab es noch nicht. Die Reaktion war oft seelsorgerisch und kirchlich geregelt: Bekenntnis, Reue, Fasten, Gebet, zeitweiliger Ausschluss von bestimmten religiösen Handlungen. Das änderte sich schrittweise. Ab dem 11. Jahrhundert und besonders ab dem 13. Jahrhundert verschärfte sich der Umgang deutlich. Kirchenreformen, Forderungen nach klerikalem Zölibat, Predigten, kanonisches Recht und städtische Gesetzgebung machten aus der Sünde zunehmend ein Verbrechen. Je nach Region drohten Geldstrafen, öffentliche Schande, Verbannung, Kastration oder der Tod.
Dabei galten solche Verfehlungen nicht als rein private Angelegenheit. In der mittelalterlichen Vorstellungswelt konnte sexuelle Sünde Gottes Zorn über eine ganze Gemeinschaft bringen. Strafe traf dann nicht nur den einzelnen Menschen, sondern sollte Familie, Dorf, Stadt oder Land vor weiterem Unheil schützen. Seuchen, Unwetter, Hunger und andere Katastrophen wurden immer wieder als Folgen moralischer Verfehlung gedeutet. Noch im 14. Jahrhundert wurden etwa Heuschreckenplagen mit dem angeblich unmoralischen Lebenswandel der Tiroler Landesfürstin Margarete Maultasch in Verbindung gebracht. Vorwürfe gegen Sexualität waren deshalb auch politische Mittel: Sie konnten Herrschaft beschädigen, Gegner entehren und soziale Ordnung herstellen.
Zwei Paare liegen eng umschlungen auf Betten, während Teufel sie bedrängen. Die Szene gehört zu einer moralisierten Auslegung von Genesis in einer Bible moralisée aus dem frühen 13. Jahrhundert.
Cod. 2254, fol. 2r (Ausschnitt), Szenen zum 1. Buch Moses
1225-1249
Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Cod. 2554, fol. 2r