Eleanor Rykener

Eleanor Rykener

Eleanor Rykener

Im Dezember 1394 wurde Rykener vor den Londoner Bürgermeister John Fressh und die Ratsherren gebracht. Rykener war mit John Britby, einem Mann aus Yorkshire, in Soper’s Lane festgenommen worden. Britby sagte aus, er habe Rykener in Frauenkleidung angesprochen und für eine Frau gehalten. Der Anlass für die Verhaftung war also Sex gegen Bezahlung. Einzelne Prostituierte wurden in London zu dieser Zeit jedoch vielfach geduldet. Das Problem war also nicht die Sexarbeit allein, sondern die Frage, ob Sodomie vorlag.
 
Gerade diese Frage ließ sich für das Gericht nicht eindeutig fassen. Rykener nannte sich Eleanor, trug Frauenkleidung und wurde auch vor Gericht in dieser Kleidung vorgeführt. Die Akte ist in Latein verfasst und hält fest, Rykener sei „John Rykener, der sich Eleanor nennt“. Sexuelle Kontakte mit Männern werden darin als Handlungen „wie mit einer Frau“ beschrieben. Bei sexuellen Kontakten mit Frauen wird Rykener dagegen „als Mann“ eingeordnet. Die Gerichtsschreiber hielten also Namen, Kleidung, soziale Rolle und sexuelle Handlungen fest, ohne Rykener eindeutig in eine Kategorie einzuordnen.
 
Im Verhör wurde festgehalten, dass Rykener zuvor in London als Mann namens John gelebt hatte. Rykener berichtete, Elizabeth Brouderer habe sie zuerst in Frauenkleidung gesteckt und Eleanor genannt. Eine Frau namens Anna habe ihr beigebracht, mit Männern „in der Weise einer Frau“ Sex zu haben. Rykener erzählte außerdem von ihrem Leben außerhalb Londons: In Oxford habe sie mehrere Wochen in Frauenkleidung unter dem Namen Eleanor gelebt und als Stickerin gearbeitet. Später arbeitete sie in Burford in einem Gasthaus und hatte weiterhin sexuelle Kontakte gegen Bezahlung.
 
Rykener nannte im Verhör Kontakte mit Männern und Frauen, darunter Studenten, Priester, Kapläne, Mönche, ausländische Männer und Nonnen. Einige entlohnten sie mit Geld oder Geschenken.
 
Das Urteil ist nicht überliefert. Unklar bleibt auch, ob es überhaupt zu einer formellen Anklage kam oder ob zusätzlich ein kirchliches Verfahren wegen Sodomie geführt wurde.


Scan der ersten Seite der Aufzeichnungen zum Verhör von John / Eleanor Rykener, Guildhall, London, Dezember 1394 bis Januar 1395.
The London Archives, CLA/024/01/02/03

Transkript des Verhörs von Eleanor Rykener

Am 11. Dezember im 18. Regierungsjahr Richards II. wurden John Britby aus der Grafschaft York und John Rykener, der sich Eleanor nannte und in Frauenkleidung angetroffen worden war, vor John Fressh, den Bürgermeister, und die Ratsherren der Stadt London gebracht. Sie waren am vergangenen Sonntagabend zwischen 8 und 9 Uhr von bestimmten Beamten der Stadt bei einem Stand in der Soper’s Lane gefunden worden, wo sie jenes verabscheuungswürdige, unaussprechliche und schändliche Laster begingen.

In einer gesonderten Befragung vor dem Bürgermeister und den Ratsherren zu diesem Vorfall gestand John Britby, dass er am Sonntag zur genannten Zeit auf der Hauptstraße von Cheapside unterwegs gewesen sei und John Rykener, der als Frau gekleidet war, angesprochen habe. Er habe ihn für eine Frau gehalten und ihn, wie er eine Frau gefragt hätte, gefragt, ob er mit ihr eine wollüstige Handlung begehen könne. Rykener verlangte Geld für seine Arbeit, stimmte zu, und beide gingen gemeinsam zu dem genannten Stand, um die Handlung zu vollziehen. Dort wurden sie während dieser verabscheuungswürdigen Vergehen von den Beamten ergriffen und ins Gefängnis gebracht.

John Rykener, der hier in Frauenkleidung vorgeführt und zu dieser Sache befragt wurde, erkannte an, alles so getan zu haben, wie John Britby es gestanden hatte. Rykener wurde außerdem gefragt, wer ihn gelehrt habe, dieses Laster auszuüben, wie lange, an welchen Orten und mit welchen Personen, männlichen oder weiblichen Geschlechts, er jene wollüstige und unaussprechliche Handlung begangen habe. Er schwor bereitwillig bei seiner Seele, dass eine gewisse Anna, die Hure eines früheren Dieners von Sir Thomas Blount, ihn zuerst gelehrt habe, dieses verabscheuungswürdige Laster in der Weise einer Frau auszuüben.
Weiter sagte er, eine gewisse Elizabeth Bronderer habe ihn zuerst in Frauenkleidung gesteckt. Sie habe auch ihre Tochter Alice zu verschiedenen Männern gebracht, damit diese ihre Lust mit ihr befriedigten, und habe sie nachts ohne Licht zu diesen Männern ins Bett gelegt. Am frühen Morgen habe sie Alice wieder weggehen lassen und den Männern stattdessen den genannten John Rykener in Frauenkleidung gezeigt. Sie habe ihn Eleanor genannt und gesagt, sie hätten sich mit ihr vergangen.

Weiter sagte er, ein gewisser Philipp, Rektor von Theydon Garnon, habe mit ihm wie mit einer Frau in Elizabeth Bronderers Haus außerhalb von Bishopsgate geschlafen. Bei dieser Gelegenheit habe Rykener zwei Gewänder Philipps mitgenommen. Als Philipp sie von Rykener zurückforderte, sagte Rykener, er sei die Ehefrau eines bestimmten Mannes, und wenn Philipp sie zurückverlangen wolle, werde er seinen Ehemann dazu bringen, gegen ihn Klage zu erheben.

Rykener gestand weiter, dass er fünf Wochen vor dem letzten Michaelisfest in Oxford gewesen sei. Dort habe er in Frauenkleidung und unter dem Namen Eleanor als Stickerin gearbeitet. Dort, im Marschland, hätten drei ahnungslose Studenten, von denen einer Sir William Foxlee, ein anderer Sir John und der dritte Sir Walter hieß, oft das abscheuliche Laster mit ihm ausgeübt.

John Rykener gestand weiter, dass er am Freitag vor dem Michaelisfest nach Burford in Oxfordshire gekommen sei und dort bei einem gewissen John Clerk im Swan für die folgenden sechs Wochen als Schankknecht beziehungsweise Schankbedienstete gewohnt habe. Während dieser Zeit hätten zwei Franziskaner, einer namens Bruder Michael und der andere Bruder John, der ihm einen goldenen Ring gab, außerdem ein Karmelitermönch und sechs fremde Männer das oben genannte Laster mit ihm begangen. Von diesen habe einer Rykener zwölf Pence gegeben, einer zwanzig Pence und einer zwei Schillinge.
Rykener gestand weiter, dass er nach Beaconsfield gegangen sei und dort als Mann mit einer gewissen Joan, der Tochter von John Matthew, geschlafen habe. Ebenfalls dort hätten zwei fremde Franziskaner mit ihm wie mit einer Frau geschlafen.

John Rykener gestand außerdem, dass nach seiner letzten Rückkehr nach London ein gewisser Sir John, ehemals Kaplan an der Kirche St. Margaret Pattens, und zwei weitere Kapläne mit ihm das vorgenannte Laster in den Gassen hinter der Kirche St. Katherine bei dem Tower of London begangen hätten.

Rykener sagte weiter, dass er oft als Mann mit vielen Nonnen geschlafen habe und ebenso als Mann mit vielen Frauen, verheirateten wie unverheirateten; wie viele es gewesen seien, wisse er nicht.
Rykener gestand weiter, dass viele Priester jenes Laster mit ihm wie mit einer Frau begangen hätten; wie viele, wisse er nicht. Er sagte, er habe Priestern bereitwilliger zu Diensten gestanden als anderen Leuten, weil sie ihm mehr geben wollten als andere.

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