Spuren von Musik

Spuren der Musik

Woran lässt sich vergangene Musik materiell festmachen, wenn die Töne selbst längst verklungen sind?

Die Musikarchäologie widmet sich der systematischen Erforschung der materiellen Überreste von Klangwerkzeugen und ihren Kontexten. Bei archäologischen Ausgrabungen im Tiroler Raum treten immer wieder Objekte ans Tageslicht, die direkte Rückschlüsse auf die historische Aufführungspraxis erlauben. Die Funddichte ist aber höchst ungleich verteilt, was an den physikalischen Eigenschaften der verwendeten Materialien liegt. Metalle, Knochen und Ton überdauern die Jahrhunderte im feuchten oder sauren Boden relativ schadlos. Archäologen finden daher regelmäßig Glockenfragmente, eiserne Maultrommeln, Signalpfeifen aus Ton oder vollständig erhaltene Längsflöten aus Tierknochen. Organische Materialien wie Holz, Leder oder Tierdärme, die den Hauptbestandteil der meisten Saiteninstrumente wie Fiedeln, Lauten oder Harfen bildeten, verrotten im Boden dagegen schnell. Oft bleiben von einer mittelalterlichen Fiedel nur die metallenen Beschläge, Schnallen oder kleine Wirbel aus Knochen übrig. Diese spärlichen Reste hinterlassen große Lücken im Verständnis der Instrumentenkonstruktion.

Um diese materiellen Fundlücken zu schließen, ist die Forschung auf die Kombination mit bildlichen Quellen angewiesen. Der Tiroler Raum verfügt über einen reichen Schatz an mittelalterlichen Wandmalereien und Fresken, die Musikanten und Instrumente abbilden. Sakrale Fresken in Kirchen zeigen oft Engel mit Musikwerkzeugen, während profane Malereien Einblicke in die höfische und städtische Alltagskultur gewähren. Diese Bilder sind für die Musikarchäologie von unschätzbarem Wert. Sie liefern präzise visuelle Informationen über Details, die im Boden nicht überleben: die Anzahl der Saiten, die Form des Stegs, die Konstruktion des Wirbelkastens und die konkrete Haltung des Instruments beim Spielen.

Gegen Ende des Mittelalters, um das Jahr 1500, erweitert sich die Quellenbasis um detaillierte Schriftquellen der Verwaltung. Die Rechnungsbücher und Inventare der Innsbrucker Hofkapelle Kaiser Maximilians I. listen akribisch die Anschaffung und Reparatur von Instrumenten auf. Diese Dokumente belegen eine enorme instrumentale Vielfalt am Hof, darunter Orgeln, verschiedene Blasinstrumente, Trompeter, Posaunen, Cornetti, Trommler, Geiger und Lautenisten.

Die Notenfragmente von Schloss Tirol

Wahrscheinlich gehörten die Stücke zu einem liturgischen Gesangbuch, das in der Schlosskapelle verwendet wurde. Ein Inventar aus der Zeit um 1310 nennt dort mehrere Graduale und ein Antiphonar mit Notenschrift. Ob die Fragmente aus einem dieser Bücher stammen, lässt sich jedoch nicht mehr feststellen. Die erhaltenen Ausschnitte sind zu klein, um den ursprünglichen Gesang oder die genaue Funktion des Manuskripts zu bestimmen.

Notenfragmente
14. oder 15. Jahrhundert
Papier, Tinte
Schloss Tirol, Krypta der Schlosskapelle

Die Glocken von Biberwier

Die beiden bronzenen Glocken wurden 2015 von F. Neururer in einem Waldgebiet bei Biberwier im Bezirk Imst entdeckt. Sie lagen im Humus nahe der Oberfläche, unweit der Fernpassstraße. Da sie nicht aus einer regulär untersuchten Grabungsschicht stammen, ist kein genauer archäologischer Zusammenhang überliefert. Form und Vergleichsfunde erlauben aber eine Datierung in die römische Kaiserzeit. 

Die eisernen Klöppel und ihre Aufhängung waren durch Korrosion wesentlich stärker fragmentiert als die Glockenkörper aus Bronze. Bei Glocke Nr. 1 blieben zwei getrennte Bereiche erhalten: der Klöppelschaft mit dem verdickten Schlagteil und einem möglichen Rest der Aufhängung sowie ein weiterer Teil der Klöppelhängung, der noch im Inneren der Glocke saß. An diesem hafteten Reste eines Gewebes oder einer Schnur. Eisenkorrosion drang in das organische Material ein und bewahrte nach dessen Zersetzung dessen Struktur. Das eingeschobene Textil könnte dazu gedient haben, den Klöppel zu fixieren und den Klang der Glocke bewusst zu unterdrücken. Bei Glocke Nr. 2 sind Klöppel und Aufhängung ebenfalls nur in mehreren Fragmenten erhalten. Ein weiteres Eisenstück könnte statt zum Klöppel auch zu einem Nagel gehört haben. 

Glocke Nr. 1 (oben)
Die 8,2 cm hohe Glocke ist vollständig erhalten und von einer gleichmäßigen grünen Kupferkarbonatpatina bedeckt. Sie besitzt einen rechteckigen, lang gezogenen Glockenmantel mit ausgezogenen Ecken und eine sechseckig facettierte Öse. Auf der Oberfläche blieben Spuren des Gusses im Wachsausschmelzverfahren sowie der anschließenden Bearbeitung mit Feilen erhalten. Die Glocke gehört zum römischen Typ L2/2.

Glocke Nr. 2 (unten)
Die zweite Glocke ist mit einer Höhe von 8 cm nahezu gleich groß und entspricht Glocke Nr. 1 auch in ihrer Form. Glockenmantel, Eckabschlüsse und facettierte Öse wurden nach demselben Arbeitsablauf hergestellt und nach dem Guss sorgfältig überarbeitet. Beide Stücke gehören zum Typ L2/2, für den mehrere Vergleichsfunde aus dem Gebiet entlang der Via Claudia Augusta bekannt sind.

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