Vom Fragment zum Instrument

Vom Fragment zum Instrument

Der Rekonstruktionsprozess bildet das methodische Bindeglied zwischen der wissenschaftlichen Analyse materieller Fragmente und der praktischen Erprobung historischer Musik. Ein archäologischer Fund oder eine Abbildung auf einem Fresko bleibt eine stumme Information, solange das Objekt nicht nachgebaut und gespielt wird.

Der Weg vom Fragment zum spielbaren Instrument gleicht einem wissenschaftlichen Experiment. Instrumentenbauer und Archäologen müssen jeden Schritt auf Basis historischer Quellen begründen. Liegt ein Instrument nur fragmentarisch vor, müssen die fehlenden Teile durch den Vergleich mit zeitgenössischen Parallelfunden oder durch detaillierte Analysen von Bildquellen ergänzt werden.
Dabei dürfen keine modernen Materialien oder Bautechniken zum Einsatz kommen. Der historische Nachbau erfordert die Anwendung alter Handwerkstechniken. Geigenbauer nutzen einheimische Hölzer wie Fichte oder Ahorn, die nach historischen Kriterien geschlagen wurden, und spannen Saiten auf, die mühsam aus Schafsdärmen gedreht wurden. Nur durch diese Materialtreue nähert sich das physikalische Schwingungsverhalten des Nachbaus der historischen Realität an.

Die Winkelharfe von Fritzens

Bei Ausgrabungen um das Jahr 2000 in der rätischen Siedlung am Pirchboden bei Fritzens entdeckte Gerhard Tomedi Fragmente eines bearbeiteten Hirschgeweihs. Form, Bearbeitungs-spuren, Befestigungselemente sowie Vergleiche mit Bildquellen und archäolo-gischen Funden führten zur Deutung als Hals einer Winkelharfe. Für den rätischen Kulturraum ist das Instrument bislang ohne bekannte Parallelen. Das hier ausge-stellte Instrument wurde auf Basis der dokumentierten Spuren sowie archäolo-gischer Funde visualisiert, der Hals wurde jedoch anhand des digitalen Modells aus Holz gefräst.

Die Fragmente wurden dreidimensional erfasst und in einem digitalen Modell zusammengesetzt. Fehlende Bereiche konnten auf dieser Grundlage ergänzt und die ursprüngliche Form des Halses nachvollzogen werden. Das Modell machte die räumlichen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bruchstücken sichtbar und bildete zugleich die technische Grundlage für die Herstellung des hölzernen Nachbaus.

Die Daten des digitalen Modells wurden auf eine computergesteuerte Fräse übertragen. Diese arbeitete die rekonstruierte Form schrittweise aus einem Holzblock heraus. Rundungen, Vertiefungen und plastische Verzierungen entstanden durch den präzisen Abtrag des Materials. Auf diese Weise wurde aus der digitalen Rekonstruktion ein reales Bauteil für das spielbare Instrument.

Der fertig gefräste Hals gibt die rekonstruierte Form des Fundobjekts in Holz wieder. Er wurde beinahe rechtwinklig mit einem trogartig ausgehöhlten und mit Rohhaut bespannten Resonanzkörper verbunden. Die Saiten waren über Ringe und Knebel am Hals befestigt und konnten damit gestimmt werden. Form und Aufbau folgen den archäologischen Befunden, auch wenn das ursprüngliche Material des Resonanzkörpers nicht erhalten ist.

Auf dem Harfenhals befindet sich eine eingeschnittene Inschrift, die in der Ansicht nur schwer zu erkennen ist. Eine grafische Umzeichnung macht die einzelnen Zeichen und ihren Verlauf deutlicher sichtbar. Die Zeichenfolge kann mit größter Wahrscheinlichkeit als Eigenname angesprochen werden. Wen sie bezeichnete, bleibt offen. Am wahrscheinlichsten ist die Deutung als Besitzerinschrift. 

Die Rekonstruktion begann mit den erhaltenen Fragmenten des Harfenhalses. Bronzestifte, ein Eisenstift sowie feine Gebrauchs- und Politurspuren lieferten Hinweise auf die ursprüngliche Konstruktion und die Befestigung der Saiten. Die einzelnen Bruchstücke wurden genau dokumentiert und einander zugeordnet. Aus diesen materiellen Spuren ließ sich die Form des Instruments schrittweise erschließen.
Der plastisch gearbeitete Pferdekopf am vorderen Abschluss des Harfenhalses war nur in einzelnen Teilen erhalten. Auch die kleinen Ohrläppchen wurden als abgebrochene Fragmente gefunden. Erst durch die genaue Zuordnung und das virtuelle Zusammensetzen der Bruchstücke ließ sich ihre ursprüngliche Position bestimmen.

Stimmung und genaue Spielweise der Winkelharfe sind nicht überliefert. Versuche mit der Rekonstruktion zeigen jedoch, dass sich der Klang je nach Haltung deutlich verändert. Entscheidend ist, wie der Resonanzkörper gehalten wird und wie frei die Rohhaut schwingen kann. Wahrscheinlich wurde das Instrument vertikal vor dem Körper gehalten und mit den Fingern gezupft, vergleichbar mit einer Spielhaltung einer kleinen zeitgleichen Figur aus Sesto al Reghena im Museum Portogruaro. Eine eindeutige Spielhaltung lässt sich jedoch nicht belegen.


Originalzustand der Winkelharfen-Fragmente
Zusammenführung der Fragmente
G. Tomedi


Klangbeispiel der Winkelharfe mit Schlägel: 

Klangbeispiel der Winkelharfe gezupft:

Die Einhandflöte von Schloss Lengberg

Die Flöte aus Schloss Lengberg bei Nikolsdorf in Osttirol ist der bislang einzige erhaltene hölzerne Musikinstrumentenfund einer Einhandflöte aus Tirol. Das Fragment wurde 2008 in einer trockenen Deckeneinfüllung entdeckt, einem Fundmilieu, das organische Materialien bewahren konnte. Die Flöte besteht aus Ahornholz und wird in das 15. Jahrhundert datiert. Erhalten sind der Flötenkopf mit Windkanal und Labium sowie ein Teil des Rohrs mit Grifflöchern.

Praetorius beschrieb und zeichnete in seinem im frühen 17. Jahrhundert erschienenen Werk zahlreiche Musikinstrumente seiner Zeit. Einhandflöten wurden mit einer Hand gespielt, während die andere zugleich eine Trommel schlug. Der Fund von Lengberg war ursprünglich wohl als solches, deutlich längeres Instrument gedacht, wurde jedoch nicht in dieser Form vollendet.
Ein wichtiger Vergleichsfund stammt vom englischen Kriegsschiff Mary Rose, das 1545 sank. Dort wurden mehrere Einhandflöten geborgen, die den Typus dieses Instruments besonders anschaulich machen. Im Vergleich mit diesen vollständigeren Funden wird deutlich, dass die Lengberger Flöte ursprünglich länger angelegt war. Der erhaltene Tiroler Fund bewahrt also nur den oberen Teil eines zunächst anders geplanten Instruments.

Nach einem Bruch oder einer Beschädigung wurde das ursprünglich geplante Instrument überarbeitet. Der erhaltene obere Teil wurde gekürzt und mit einer neuen Lochanordnung weiterverwendet. Vergleichsfunde ähnlicher Größe legen nahe, dass daraus eine kleine Flöte entstand, die möglicherweise als Kinderflöte diente. Der Fund zeigt damit zwei Nutzungsphasen: zuerst die geplante Einhandflöte, danach die Umarbeitung zu einem kleineren Instrument.

Am unteren Ende des erhaltenen Fragments sind deutliche Bearbeitungsspuren zu erkennen. Nach dem Abschneiden wurde die Kante sorgfältig abgefast, also schräg geglättet und gebrochen. Diese Nachbearbeitung zeigt, dass das Stück nicht einfach zufällig zerbrach und weggeworfen wurde, sondern bewusst zu einem neuen Instrument umgearbeitet wurde. Das Abfasen gehört damit neben der sehr einfachen und unprofessionellen Art der Herstellung der Grifflöcher zu den wichtigsten Hinweisen auf die zweite Bau- und Nutzungsphase.

Der fertig gefräste Hals gibt die rekonstruierte Form des Fundobjekts in Holz wieder. Er wurde beinahe rechtwinklig mit einem trogartig ausgehöhlten und mit Rohhaut bespannten Resonanzkörper verbunden. Die Saiten waren über Ringe und Knebel am Hals befestigt und konnten damit gestimmt werden. Form und Aufbau folgen den archäologischen Befunden, auch wenn das ursprüngliche Material des Resonanzkörpers nicht erhalten ist.

Klangbeispiel der Einhandflöte in Originallänge: 

Klangbeispiel der Einhandflöte im Fundzustand: 

Die Maultrommeln von Schloss Tirol

Die beiden eisernen Maultrommeln wurden 1999 bei Ausgrabungen im Wirtschaftstrakt von Schloss Tirol gefunden. Maultrommel Nr. 1 lag in einer mit zahlreichen Steinen durchsetzten Verfüllschicht an der Ostmauer von Raum 7. Sie wird stratigrafisch in das 14. oder 15. Jahrhundert datiert und entspricht dem Typ Gironville (nach G. Kolltveit). Die zweite Maultrommel kam am 19. Oktober 1999 in Raum W0.07 innerhalb einer Aufschüttung des 17. Jahrhunderts zutage. Ihre abgerundet dreieckige Form gehört zum frühneuzeitlichen Typ Bruck (nach G. Kolltveit). Die Fundzeichnung von Maultrommel Nr. 1 hält das stark fragmentierte Instrument im Zustand seiner Auffindung fest.

Beide Instrumente sind geschmiedete Bügelmaultrommeln aus Eisen. Zwischen den beiden Armen verlief ursprünglich eine separat gefertigte elastische Lamelle, die am Bügel durch Überschmieden befestigt war. Beim Spielen wurden die Arme zwischen den gespannten Lippen positioniert und die Lamelle mit dem Finger angeschlagen. Der Mundraum verstärkte ihre Schwingung und formte die Obertöne. Vor der Restaurierung waren Bügel, Arme und Lamellenreste weitgehend von Korrosion und anhaftendem Erdmaterial verdeckt. Nach der Freilegung ließen sich ihre unterschiedliche Form sowie Bearbeitungsspuren erkennen. An Maultrommel Nr. 2 blieben Überfeilspuren am Bügel und feine Feilhiebe auf der Lamelle erhalten.


Links oben: Maultrommel Nr. 2 vor der Restaurierung
Links unten: Maultrommel Nr. 2 nach der Restaurierung
Rechts oben: Maultrommel Nr. 1 vor der Restaurierung
Rechts unten: Maultrommel Nr. 1 nach der Restaurierung

Die Knochenflöte von Schloss Tirol

Bei Ausgrabungen im Wirtschaftstrakt von Schloss Tirol wurde ein etwa drei Zentimeter langes Fragment einer Flöte gefunden. Das Instrument war aus dem Röhrenknochen eines Gänseflügels gefertigt. Zwei Grifflöcher sowie Spuren vom Bohren, Schleifen und Glätten belegen die sorgfältige Bearbeitung. Kopfstück, Anblasöffnung und unteres Ende der Flöte sind nicht erhalten. Ihre ursprüngliche Länge und die Gesamtzahl der Grifflöcher bleiben daher unbekannt.
Ein weiteres Knochenfragment könnte ebenfalls zu dem Instrument gehört haben. Da die beiden Stücke nicht unmittelbar aneinanderpassen, lässt sich ihre Zusammengehörigkeit jedoch nicht sicher nachweisen.


Fragment einer Knochenflöte
frühes 14. Jahrhundert
Elle einer Gans
Schloss Tirol, Wirtschaftstrakt


Klangbeispiel der Knochenflöte von Schloss Tirol: 

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